Lehr- und Forschungsinstitut für Analytische Organisationsberatung

 
 

Freitag, 12.01.2007 - 20.00 Uhr

 

Tao und Identität
(Identität in Ost und West - Identität taologisch betrachtet)

Tsa Tse Monk Sifu Tjan Prof. Dr. Armin Pesch
 


Der Begriff Identität ist schwierig, weil er unterschiedlich belegt ist. In der Logik bedeutet er Wesensgleichheit, in der Psychologie eher manifestes Ichbewusstsein. Dennoch ist er auch fachübergreifend bedeutend, da er implizit immer auch individuelle charakteristische Eigenschaften beschreibt. Identität grenzt an viele Bedeutungsinhalte, wie: Entität und Verwurzelung und greift in viele Problematiken hinein, wie: Migration, multikulturelle Erziehung und optimales Altern. Identitätsstörungen scheinen letztendlich die Ursachen der meisten individuellen Krankheiten und systemischen Dysfunktionen zu sein.

Der Begriff Identität hat im Abendland einen hohen Stellenwert, weil er das Individuum in den Mittelpunkt rückt. Traditionell pflegen wir das Individualprinzip. Ausdruck dessen ist auch, dass wir Haus und Besitz juristisch besonders schützen.

Im Morgenland scheint Identität oftmals unwesentlich zu sein, weil das Kollektiv die Stelle einnimmt, die bei uns der Einzelne hat. Es steht als Gebrauchselement im Dienste eines funktionalen Ordnungsprinzips. Der Herrscher lebt auf Erden den Reichtum vor, den der Untergebene im Nirwana erwarten darf.

Europäisches Gedankengut spricht sich für die Gleichwertigkeit der Menschen aus, asiatisches für die Andersartigkeit. Beides ist wahr, deshalb kann den beiden Konzepten nicht die Burteilung richtig noch falsch bescheinigt werden.

Gut und schlecht sind Bezeichnungen mit relativem Inhalt und fallen in den subjektiven Bereich. Wer sich auch immer für den ausschließlichen Weg des Okzidents oder Orients entscheidet, sollte wissen, dass nach der Entscheidung niemand die Vorteile beider Aspekte derselben Wahrheit für sich beanspruchen kann.

In der Taologie sind Yin und Yang zwei Spielarten desselben Tai Chi´s, was Lao Tse veranlasst zu sagen: Sein und Nicht - Sein sind eins dem Ursprung nach und nur verschieden durch den Namen.

Nur wenn wir ihre Unterschiede auf einer höheren Betrachtungs- und Handlungsebene lösen, überwinden wir den aus ihnen scheinbar resultierenden Konflikt, scheinbar deshalb, weil er hausgemacht ist; denn auf der Suche nach Kommunikationserleichterungen, haben die Menschen den Dingen Namen und Bewertungen gegeben. Bewertungen sind jedoch individuums-, sippen-, stammes-, volks- und kulturkreisabhängig. Die Bewertung kann ideal oder nutzenorientiert sein - in jedem Falle hat niemand die zu bewertenden Dinge „nach ihrer Meinung gefragt“, ob wir sie denn hinreichend erklären oder charakterisieren.

Wie auch immer, in der Taologie nutzt der hart und geduldig Übende (Kung Fu) beispielsweise die Meditation, um Körper und Geist unterscheidungslos zu machen. In der Unterscheidungslosigkeit schmelzen alle Unterschiede wie von selbst dahin und bietet die Chance zur Identität in der Nicht-Identität. Die Chinesen nennen diesen Zustand Wu Wei (Auflösung, Auflösung des Tai Chi´s mit Yin und Yang).